Zwei Michelin-Sterne, französisches Handwerk, japanische Einflüsse und eine Philosophie, die weit über den Teller hinausreicht: Christoph Rainer hat im Restaurant IKIGAI auf Schloss Elmau eine unverwechselbare kulinarische Handschrift entwickelt. Im Gespräch mit dem ChefHeads-Magazin spricht er über prägende Lehrmeister, seine Faszination für Japan, Reduktion und Präzision, moderne Führung – und darüber, warum ein dritter Michelin-Stern durchaus ein Ziel bleibt.
Von Guido Fritz | ChefHeads-Magazin
Veröffentlicht: 15. Oktober 2026
Von Frankfurt nach Schloss Elmau
Wenn Christoph Rainer heute auf seine Karriere blickt, tut er das mit einer Gelassenheit, die vermutlich selbst Teil seiner Entwicklung ist. Einen großen Teil seiner Laufbahn verbrachte der gebürtige Hesse im Rhein-Main-Gebiet. Fast zehn Jahre prägte ihn die Villa Rothschild in Königstein – eine erfolgreiche, aber, wie er heute sagt, auch körperlich und mental äußerst intensive Zeit. Rückblickend wäre er möglicherweise drei oder vier Jahre früher gegangen.
Seine kulinarische Basis entstand jedoch bereits früher. Rainer absolvierte seine Ausbildung unter dem französischen Küchenchef Alain Faessler in einem Michelin-Stern ausgezeichneten Restaurant. Stationen bei Heinz Winkler und Dieter Müller folgten. Aus einem ursprünglich geplanten Jahr bei Dieter Müller wurden schließlich drei Jahre als Souschef an der Seite von Müller und Nils Henkel.
Dabei war es nicht allein die Küche, die ihn beeinflusste. Besonders nachhaltig blieb ihm Dieter Müllers Art der Mitarbeiterführung in Erinnerung: Ruhe, Souveränität und ein respektvoller Umgang mit dem Team. Rainer bezeichnet Müller bis heute als väterlichen Freund und wichtigen Ratgeber.

Christoph Rainer und IKIGAI: Frankreich trifft Japan
Im Schloss Elmau fand Christoph Rainer schließlich den Freiraum, seine eigene kulinarische Sprache weiterzuentwickeln. Was zunächst noch Einflüsse aus verschiedenen asiatischen Küchen beinhaltete, konzentrierte sich zunehmend auf zwei Pole: Frankreich und Japan.
Die klassische französische Küche bildet das Fundament; japanische Produkte, Techniken und Geschmacksbilder geben ihr eine eigene Spannung.
Auch Schloss Elmau beschreibt die Küche des IKIGAI aktuell als japanisch-französisch inspirierte Kreativküche. Christoph Rainer setzt dort nach Angaben des Hauses seit September 2017 kulinarische Akzente; das Restaurant trägt heute zwei Michelin-Sterne und fünf Hauben.
Dabei geht es Rainer keineswegs um möglichst viele Komponenten. Im Gespräch beschreibt er eine klare Maxime: Im Zentrum steht das Hauptprodukt; auf dem Teller sollen sich möglichst nicht mehr als drei prägende Aromen begegnen. Auch die Anrichteweise folgt dieser Idee: Der Gast soll die wesentlichen Komponenten gemeinsam auf Gabel oder Löffel aufnehmen können.
Reduktion bedeutet nicht Verzicht
Diese Konzentration zieht sich durch Rainers Verständnis von Spitzenküche. Reduktion bedeutet für ihn nicht, möglichst wenig auf einen Teller zu legen. Entscheidend ist vielmehr die Frage: Was braucht dieses Gericht wirklich – und was kann weg?
Dabei unterscheidet Rainer deutlich zwischen Präzision und Perfektion. Absolute Perfektion hält er schon deshalb für kaum erreichbar, weil Menschen sie unterschiedlich wahrnehmen. Präzision dagegen ist für ihn unverzichtbar.
Ein bemerkenswerter Satz aus unserem Gespräch bringt diese Haltung auf den Punkt:
„Vielleicht liegt die eigentliche Kunst am Ende genau darin: zu erkennen, wann ein Gericht fertig ist – und dann auch den Mut zu haben, nichts mehr hinzuzufügen.“
Was „Ikigai“ für Christoph Rainer bedeutet
Der Restaurantname ist dabei weit mehr als ein wohlklingender japanischer Begriff. Vereinfacht versteht Rainer unter Ikigai das, was einem Leben Sinn und Freude gibt. Das könne der Beruf sein, eine Leidenschaft, ein Mensch, eine Begegnung – oder ein scheinbar kleiner Augenblick.
Rainer spricht deshalb lieber von „Ikigai-Momenten“: Augenblicken, in denen alles zusammenpasst. Im Restaurant kann das ein außergewöhnliches Produkt sein, eine Idee, die auf dem Teller genau funktioniert, ein perfektes Zusammenspiel mit dem Service oder die Reaktion eines berührten Gastes. Sein Anspruch für das IKIGAI: nicht einfach ein Menü zu servieren, sondern solche Momente entstehen zu lassen.
Diese Philosophie deckt sich mit der Selbstdarstellung des Restaurants: Schloss Elmau versteht IKIGAI als Suche nach einem sinnvollen und erfüllten Leben und überträgt diese Haltung ausdrücklich auch auf den Umgang mit Gästen und Mitarbeitern.
Schloss Elmau – eine zweite Heimat
Auch der Ort selbst ist für Rainer inzwischen weit mehr als Arbeitsplatz. Als Hesse bezeichnet er Schloss Elmau mittlerweile als seine zweite Heimat. Natur, Ruhe, Kultur und die Menschen, die dort zusammenkommen, beeinflussen ihn.
Besonders interessant: Durch Schloss Elmau fand er einen neuen Zugang zur klassischen Musik. Ein Konzert führt zwar nicht unmittelbar zu einem neuen Gericht, sagt Rainer. Aber die Umgebung und die besondere Energie des Ortes wirkten auf den Menschen – und damit letztlich auch auf den Koch.
Führung: Persönlichkeit statt Gleichschritt
Rainers Verständnis von Führung ist ebenfalls klar. In seinem kleinen Küchenteam muss es menschlich funktionieren. Einzelkämpfer passen für ihn nicht hinein.
Das bedeutet aber keineswegs, dass alle gleich sein sollen. Unterschiedliche Charaktere seien ausdrücklich erwünscht. Entscheidend sind gemeinsame Ziele, Teamfähigkeit und Eigenmotivation. Als Küchenchef versucht Rainer zugleich, Reaktionen und Zwischentöne seiner Mitarbeiter wahrzunehmen – gerade weil wichtige Dinge häufig nicht ausgesprochen würden.
Auch die veränderten Erwartungen einer jüngeren Generation sieht er differenziert. Die Arbeitsbedingungen der Vergangenheit mit regelmäßig zwölf oder dreizehn Stunden täglich betrachtet er keineswegs nostalgisch als Ideal. Gleichzeitig warnt er davor, Karriereschritte zu überstürzen: Für Verantwortung und Menschenführung brauche es ein solides Fundament und Erfahrung.
Und der dritte Michelin-Stern?
Im ausführlichen Nachgespräch haben wir Christoph Rainer schließlich eine Frage gestellt, die bei einem Zwei-Sterne-Koch naheliegt: Ist der dritte Stern ein persönliches Ziel?
Seine Antwort ist eindeutig: ja.
Rainer sieht die Weiterentwicklung als selbstverständlichen Bestandteil seines Berufs. Er verweist dabei auf Handschrift, Beständigkeit und Konstanz. Dem dritten Stern wolle er nicht verbissen hinterherjagen – aber das Team arbeite daran, für diese Auszeichnung infrage zu kommen.
Aktuell bestätigt Schloss Elmau für das IKIGAI auch 2026 zwei Michelin-Sterne; das Hotel selbst wird im Guide Michelin mit drei Keys geführt.
Der Mensch hinter dem Zwei-Sterne-Koch
Vielleicht zeigt sich Rainers heutige Haltung am deutlichsten außerhalb der Küche. Seinen Ausgleich findet er beim Rennradfahren, vor allem aber bei seiner Frau Nicole, seiner Familie und einem kleinen Kreis enger Freunde. Berufliches und Privates trennt er bewusst voneinander.
Auf unsere traditionelle ChefHeads-Abschlussfrage – für wen er kochen würde, wenn Michelin, wirtschaftliche Zwänge und Terminkalender keine Rolle spielten – führt seine Antwort deshalb auch nicht zu prominenten Gästen oder einem spektakulären Ort.
Er würde seine gesamte Familie an einen Tisch holen. Auch diejenigen, die nicht mehr da sind. Gemeinsam essen, zuhören, reden, lachen und Geschichten austauschen. Auf dem Tisch: die Lieblingsgerichte der Familie.
Vielleicht ist genau das Christoph Rainers persönlichste Definition von Ikigai.
Das vollständige Interview
Christoph Rainer beantwortet in der Oktober-Ausgabe des ChefHeads-Magazins unsere 15 Fragen – über Japan, Wabi-Sabi, kulinarischen Luxus, Führung, Michelin und sein ganz persönliches Ikigai. Im anschließenden „NACHGEFRAGT“ sprechen wir mit ihm außerdem über seine Jahre in der Villa Rothschild, Dieter Müller, Rankings, die nächste Generation von Köchen und den dritten Michelin-Stern.



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